Die Penalty-Entscheidung als letzte Oase für Romantiker – wer denkt, verliert …
Am Ende bleibt nur noch ein Duell Mann gegen Mann. Die Auseinandersetzung zwischen Lugano und Langnau steht nach der Verlängerung 3:3 und das Spiel wird auf seinen archaischen Kern reduziert. Auf die Penalty-Entscheidung. Alles, was vorher war, zählt nicht mehr. Taktik, Tore, Checks, Laufwege, Schirientscheidungen, schlaues Coaching – alles ausgelöscht. Was bleibt, ist der Moment.
Luganos Leitwolf Calvin Thürkauf hat bei den regulären ersten fünf Versuchen als einziger für sein Team getroffen. Und für Langnau ist nur Julian Schmutz erfolgreich. Nach je fünf Versuchen darf bei beiden Teams immer der gleiche Schütze antreten. Calvin Thürkauf trifft nun dreimal hintereinander gegen Luca Boltshauser, Julian Schmutz kann nur noch zweimal kontern und scheitert beim alles entscheidenden vierten Versuch gegen Niklas Schlegel.
Es ist die stimmungsvollste Penalty-Entscheidung seit Menschengedenken. Das Schlussfeuerwerk eines intensiven, begeisternden Spiels. Jeder erfolgreiche Versuch von Calvin Thürkauf wird bejubelt wie ein Tor während des Spiels. Und wenn Julian Schmutz anläuft, mahnt das gellende Pfeifkonzert an einen startenden Düsenjet. Lugano rockt wieder. Lugano ist wieder laut. Lugano begeistert. Erstmals seit der Saison 2018/19 ist das Stadion durchschnittlich zu mehr als 80 Prozent gefüllt (Auslastung 82,35 Prozent).
Die entscheidende Frage. Warum scheiterte Julian Schmutz bei seinem insgesamt vierten Versuch? Er weiss warum:
Es ist eine dieser kleinen Geschichten, die weit über das Resultat hinausweisen. Wer denkt, scheitert. Wer fühlt, trifft. Der Kopf, sonst das grosse «Werkzeug» der sportlichen Helden in Extremsituationen, wird plötzlich zum Störfaktor. Analyse lähmt, Reflex befreit. Plan verliert gegen Instinkt.
Am Ende ist dieses Penalty-Duell DAS Thema. Und nicht das Spiel. Eigentlich schade. Langnaus Trainer Thierry Paterlini, der sonst mit Superlativen zu geizen pflegt, sagt:
Was auch nötig war. Denn Lugano ist wieder «grande». Die zwei schwedischen Coaches Tomas Mitell und Stefan Hedlund haben das Spiel strukturiert wie nie mehr ein Bandengeneral in Lugano seit John Slettvoll in den 1980er und frühen 1990er Jahren. Das «House Cleaning» – das umfassendste in Lugano seit Menschengedenken als Reaktion auf die miserable letzte Saison – zeigt Wirkung: Der Sportchef, der Cheftrainer und zwei Assistenten sind gefeuert worden und unter dem neuen Sportchef Janick Steinmann sind diese Saison Leistungskultur und Disziplin fast so hoch wie die Palmen.
Aktuelle
Note
7
Ein Führungsspieler, der eine Partie entscheiden kann und sein Team auf und neben dem Eis besser macht.
6-7
Ein Spieler mit so viel Talent, dass er an einem guten Abend eine Partie entscheiden kann und ein Leader ist.
5-6
Ein guter NL-Spieler: Oft talentierte Schillerfalter, manchmal auch seriöse Arbeiter, die viel aus ihrem Talent machen.
4-5
Ein Spieler für den 3. oder 4. Block, ein altgedienter Haudegen oder ein Frischling.
3-4
Die Zukunft noch vor sich oder die Zukunft bereits hinter sich.
Die Bewertung ist der Hockey-Notenschlüssel aus Nordamerika, der von 1 (Minimum) bis 7 (Maximum) geht. Es gibt keine Noten unter 3, denn wer in der höchsten Liga spielt, ist doch zumindest knapp genügend.
Punkte
Goals/Assists
Spiele
Strafminuten
-
Er ist
-
Er kann
-
Erwarte
Lugano eignet sich nicht mehr zum Spott («Eishockey unter Palmen») und die jahrelange treffende Schmähung eines notorisch erfolglosen Klubs («Lugano des Nordens» oder «Lugano des Welschlandes») ist nicht mehr treffend. Dass die Langnauer gegen dieses Lugano aus einem 0:2 ein 3:2 machen und den Ausgleich erst in der 57. Minute kassieren – das war nur mit der besten Saisonleistung möglich.
Es ist das Duell der Teams, die sich kurzfristig (Lugano) und langfristig (Langnau) am eindrücklichsten gesteigert haben. Im letzten Frühjahr endete die Qualifikation für die Tessiner mit dem zweitletzten Platz und den Playouts gegen Ajoie. Eine der schlimmsten Demütigungen seiner Geschichte (seit 1941), die das «House Cleaning» provozierte. Letzte Saison kassierte Lugano am zweitmeisten Gegentreffer. Diese Saison ist Lugano das defensiv stabilste Team der Liga. Im Spurt zu Stabilität und Respektabilität und bereit für die nun anstehenden Spitzenspiele gegen Gottéron (a) und Davos (h).
Langnau hat sich über einen längeren Zeitraum von den Miserablen zu den Respektablen entwickelt: Noch 2022/23 kommen die Emmentaler in der ersten Saison von Sportchef Pascal Müller, Trainer Thierry Paterlini und den Assistenten Steve Hirschi und Jukka Varmanen nicht über den zweitletzten Platz hinaus (Sieg im Playout gegen Ajoie).
Seither geht es mit diesen Quartett stetig bergauf: Rang 11, Rang 8 (inkl. Playoffs) und nun auf Platz 8 vor Zug, Bern und Biel und mit Einladung zum nächsten Spengler Cup.
Aber am Freitag kommt Ajoie ins Emmental. Langnau zeichnet eine bemerkenswerte taktische Reife und Ruhe aus. Robust, bissig in den Zweikämpfen, aber ruhig und konzentriert mit der Scheibe. Der Fünferblock auf dem Eis eine Einheit. Thierry Paterlini holt ein Maximum heraus. Das Preis/Leistungsverhältnis stimmt nun unter Sportchef Pascal Müller wie nie seit dem Wiederaufstieg von 2015: Nur drei Schweizer Spieler verdienen mehr als 200'000 Franken und keiner über 300'000. Geld und Geist.
Bleibt noch die Frage an Thierry Paterlini: Müssten eventuell die Penaltys im Training mehr geübt werden? Die Langnauer haben in Lugano zum 5. Mal die Penalty-Entscheidung verloren. So oft wie kein anderes Team der Liga. Er sagt, es sei fast nicht möglich, ein Penalty-Schiessen seriös zu trainieren.
Dem Penalty-Training fehle sowieso immer ein wenig die Ernsthaftigkeit. Wohl verständlich: In einer leeren Arena Penaltys zu üben ist eine Trockenübung ohne Wert. Die entscheidenden Elemente fehlen: der maximale Druck und die Einsamkeit beim Anlauf in einer spannungsgeladenen Stimmung.
Vielleicht ist es tatsächlich so, dass erfolgreich ist, wer beim Penalty nicht zu viel denkt. So gesehen ist die Penalty-Entscheidung die letzte Oase für Hockey-Romantiker: einfach seinem Instinkt folgen wie beim Pausenplatz-Hockey.
P.S. Der Sieg von Calvin Thürkauf im Penalty-Duell hat bei aller Romantik schon eine gewisse Logik: Er dürfte doppelt so viel verdienen wie Julian Schmutz, er hat mit 75 Länderspielen zehnmal öfter das Nationaldress getragen, er ist bisher zu drei WM- und zwei Olympiaturnieren aufgeboten worden und Julian Schmutz war noch nie bei einem Titelturnier.
